Garten-Guerilla Hamburg
Von der gemeinsamen Nutzung öffentlicher Räume.
Ein Spaziergang mit einem der Großgrundbesitzer in der Hamburger Innenstadt: ein Anwohner.
Freudig präsentierten städtische Garten- und Balkonbesitzer rund um das Erntedankfest die Früchte ihrer Arbeit. Städtische Landwirtschaft, oder – keine Idee überlebt ohne Anglizismen – „urban agriculture“ bringt in jedem Jahr erstaunliche gärtnerische Leistungen hervor. Doch während im Hamburger Rathaus beispielsweise sogar eine Ausstellung die meist professionelle Landwirtschaft im Stadtgebiet preist, überrascht ein Spaziergang mit Jochen D., Hobbypflanzer und [Lebens-]Künstler, durch die scheinbare Allgegenwärtigkeit von Nutzpflanzen in der Hamburger Innenstadt.
Schon mitten in St. Georg bleibt D. auf einem Parkplatz am St. Georgs Kirchhof stehen und weist auf einige Gerstenpflanzen hin: „Die ganze Stadt ist voll davon.“ Getreide? Hier? „Ja, manche Leute machen daraus Brot…“ Gerste sei so robust, dass sie für die „Standorte“ zwischen Gehwegplatten und Pflastersteinen nahezu ideal geeignet sei.
Aber sicherer als Betonritzen, wenn die Pflanzen auch unbeschadet ihre Jugend überwinden sollen, seien „Beete“ unter Fußabtritten, die durch ein Rost geschützt sind. Und der Schutz von Pflanzen außerhalb der Planflächen der Stadtgärtner ist in jüngster Zeit immer wichtiger geworden. „Seit es Ein-Euro-Jobs gibt, verschwinden viele meiner Nutzpflanzen“, klagt der Hobbypflanzer: Nicht etwa weil verhungernde Menschen seine Beete plünderten – das wäre genau in seinem Sinne – nein, in der modernen ABM werden Menschen zum „Unkraut“ jäten durch die ganze Stadt geschickt.

Kürbisse in Hammerbrook
„Guerilla Gardening“ – das wilde Gärtnern auf öffentlichen Flächen – ist als explizit politische Aktionsform entstanden, bei der die „kreativen Umgestaltung“ von Parks und öffentlichen Räumen Hand in Hand gehen soll mit einer möglichen Selbstversorgung. In dem j Handbuch „go.stop.act! - die Kunst des kreativen Straßenprotests“ von Marc Amann (Hrsg., Trotzdem Verlag, 2005) berichtet der Autor von illegalen Gemüsegärten auf New Yorker Brachen, Reisanbau zwischen Tokios Wolkenkratzern oder Symbolen aus Blumen auf innerstädtischen Verkehrsinseln. So wurden am ersten Mai 2000 in London in einem Park Bäume, Gemüse, Kräuter und Blumen gepflanzt und sogar ein Teich angelegt. Der aufgerollte Rasen wurde vor den Houses of Parliament neu verlegt. Es gelte, die kleinen Lücken, Spalten und Löcher zu finden, in denen sich der immer privater werdenden Öffentlichkeit ein wenig Raum entwenden lässt. Und seien es die Ritzen im Beton St. Georgs, aus denen Gerste wächst.
In der Hamburger Innenstadt müssen also entweder gut getarnte Beete her, oder so exponierte, dass Passanten wie gezwungene Gärtner, alle Pflanzen für gewollt halten. „Auch in einem Blumenkübel kann man manchmal ein Kuckucksei durchbringen.“ Ein ganzes Mohnbeet habe er schon von einem Hotel in der Nachbarschaft großziehn lassen.
Aber für D. soll es nicht im Verborgenen [klandestin] weitergehen. „Mein Traum ist ein Maisfeld auf der Verkehrsinsel vor dem Atlantik-Hotel.“ Und so unrealistisch scheint es gar nicht. „Letztes Jahr war scheinbar eine Zeit lang der Rasenmäher der Stadtgärtner kaputt.“ Zumindest sei der Rasen auf einer der Verkehrsinseln zwischen den Alsterbrücken und dem Hotel erstaunlich hoch gewachsen. Seine Hoffnung: Sobald gerade die Zierpflanzen und bekanntere Nutzpflanzen eine Größe erreicht haben, in der sie auf den ersten Blick zu erkennen sind, sei die Chance hoch, dass die Gärtner gnädig sind und die Sprösslinge stehen lassen.
Ideal, um diese Größe überhaupt erst zu erreichen, seien Neupflanzungen von Bäumen, die von einem kleinen Mulchbeet umgeben sind. In der Anfangszeit wird dort weder gejätet noch mit Giften gearbeitet. „Allerdings müssen da Pflanzen mit kräftigen und großen Keimen rein. Kartoffeln sind ideal, nur leider muss man die eingraben und kann sie nicht einfach verstreuen.“
Denn am liebsten macht er, ganz ein Großgrundbesitzer, Spaziergänge über „seine Ländereien“, die Taschen zum Beispiel mit Mohnkörnern gefüllt, und streut hier und da ein wenig optische Aufhellung. Stolz betrachtet er später die Früchte seine Arbeit und schaut sich auch gerne Ideen der Natur ab, um sie für eigene Pflanzstrategien zu übernehmen. Denn in den natürlichen Systemen finden sich viele praktikable Lösungen für den Ackerbau. Den freien Hamburger Stadtgärtner fasziniert vor allem die etagenartige Wuchsform [der Stockwerkbau] tropischer Wälder, die von Indianern erfolgreich adaptiert wurde: Hohe Pflanzen, die der Sonne trotzen können spenden Schatten und stellen gleichzeitig das Substrat für Ranken. Ganz unten bleibt Platz für Bodenpflanzen. Mais, Bohnen und Kürbis sind in diesem Sinne D`s Traumbild einer Ackergemeinschaft. [Bodennahes Wachstum, aufrechte Pflanzen und Ranken machen sich untereinander nicht so viel Konkurrenz wie eine Gemeinschaft mit ähnlichen Wuchsformen.] Doch vorerst geht es ihm um die Rückgewinnung des öffentlichen Raumes, in dem dies überhaupt stattfinden kann.
„Von so einer Fläche kann man eine Woche lang leben“, erklärt der Experte und zeigt auf einen Hang Richtung S-Bahn-Damm. Um mehrere Jungbäume wachsen büscheweise Kartofflen. „Aber wer weiß schon, wie eine Kartoffelpflanze aussieht…?“ [folgt es dann doch etwas resigniert.]
Wenige Meter weiter kehrt die Begeisterung zurück: Direkt neben einer Ampel wurden die ersten reifen Zucchini geerntet. „Das Beste ist, wenn die Leute an viel frequentierten Stellen die Pflanzen erkennen.“ Sie sollen wahrnehmen, dass hier Nutzpflanzen mitten in der Stadt wachsen und sie am besten auch gleich mitnehmen – direkt vor dem Hotel Atlantik. „Ich habe auch schon überlegt, den Fensterputzern hier an der Ampel einen zusätzlichen Gemüseverkauf vorzuschlagen“, sinniert D.. Selber ernten will er gar nicht, „höchstens mal probieren, wie es schmeckt. Aber ich mache das ja nicht für mich.“ Öffentlicher Raum und was aus ihm hervorgehen kann, soll einfach für alle nutzbar sein.
Selbst über Tierzucht habe er schon mit Freunden nachgedacht: „Hühner fangen kann schließlich jeder. Oder Eier suchen. Aber wir haben keine Arten gefunden, die hier draußen einfach so überleben könnten. Das wäre dann wohl ein längerfristiges Projekt.“
Weiter geht es unter der Eisenbahnbrücke in Richtung Glockengießer Wall: Im Schatten weniger Bäume beherbergt eine lange nicht gemähte Wiese eine Vielzahl unterschiedlicher Pflanzen und Insekten. Ein ansehnliches Biotop mitten in einer steril gestalteten Innenstadt. „Hier nähern wir uns einem idealen Stadtgarten mir friedlicher Koexistenz an.“ Borretsch – hervorragend im Salat – gemeinsam mit Kürbissen und Zier- und Wildpflanzen. Unter der Mauer dort drüben wohne ein Obdachloser, berichtet D. und hofft, dass dieser weiß, was hier in seinem Vorgarten wächst.
Stolz will er uns noch seinen sogenannten „Idealacker“ präsentieren – direkt zwischen den beiden Alsterbrücken. „Gute Feuchtigkeit und Licht bei einem ganz ordentlichen Boden“, so sein Urteil. Das Beet, hinter einigen Bänken, liegt oberhalb einer hüfthohen Steinkante. Das beste sei die rückenfreundliche Arbeitshöhe, denn das Bücken scheint ihm doch eine sehr unangenehme Begleiterscheinung des Ackerbaus. Daher auch die Vorliebe für streufähiges Saatgut. Buddeln oder Jäten vermeidet dieser urbane Gärtner, wenn es geht.
Aber natürlich geht es nicht nur um Bequemlichkeit: „Unkraut jäten käme mir pervers vor – mit einem „Du nicht, du nicht, du nicht, …“ durch den Acker zu gehen.“ Auch die Ernte findet nur in kleinem Maßstab statt, „um den Erfolg zu prüfen“. Und die Schadstoffe? „Das ist in der Stadt sicherlich ein Problem, aber andererseits kommt es mir auch nicht ungesünder vor als all die überdüngten Sachen aus konventioneller Landwirtschaft.“ Für seine eigene Ernährung sei der Geschmack ausschlaggebend, aber auch die Produktions- und Haltungsbedingungen.
Einen Fußweg entlang es geht zurück in Richtung Hauptbahnhof: „Das da ist Hopfen. Der kommt aber nicht von mir.“ Und an einem Geländer gegenüber der Kunsthalle strahlen knallrote Feuerbohnen – das Werk einer Freundin. „Ansehnlich und essbar.“ Damit fallen sie genau in D`s Favoriten-Auswahl.
„Man geht schon mit einem anderen Blick zwischen den Grünflächen herum“, beschreibt er das Gefühl eines subversiven Gärtners. „Offensichtlich bin ich nicht allein. Ich habe sogar schon Leute beobachtet, die „meine“ Pflanzen begutachtet haben, scheinbar in der Überlegung, wann hier wohl geerntet werden kann.“ An bekannteren Standorten beginne dann ein regelrechter Erntekampf: Wie weit lässt man die Pflanzen reifen, bevor einem dann doch andere zuvorkommen.
Die Selbstversorgung in der Stadt hat auch historische Hintergründe. Als vor knapp 150 Jahren in Deutschland die ersten Schrebergärten gegründet wurden, stand dabei noch die Erholung für Arbeiter neben der Aufwertung des Speiseplans durch die eigene Ernte (GPM 6/03, S. 71). Als privat genutzte Flächen können Schrebergärten einen guerilla Gärtner allerdings nicht befriedigen.
Und so steht D. auf dem Hansaplatz vor Hirse und Ringelblumen und kommt ins Grübeln. „Ich kann mich einfach nicht erinnern, ob die von mir sind.“ Die Kombination mit den hübschen Ringelblumen, die die Hirse davor bewahren abgemäht zu werden, sei auf jeden Fall eine sehr sinnvolle Strategie. Und ein paar Schritte weiter, am Philips-Haus, direkt vor dem Kantinenfenster, ist er sich auch wieder sicher: „Das ist mein Lieblings-Beet! Hier sehen wir, wie der öffentliche und private Raum nur durch eine kleine Stufe getrennt sind.“ Beim Näherkommen zeigen sich unter einem Vordach einige Kürbisse etwas verloren in einem ansonsten leeren Beet. „Hier müsste ich wohl doch mal gießen. So sieht das ja etwas traurig aus.“ Aber auch hier habe er schon eine Interessierte Blicke von Passanten gesehen.

Zuchini-Ernte vor dem Hotel Atlantik
„Ich will, dass alle Leute sehen, dass es hier etwas zu ernten gibt.“ Und wenn es sich dabei um Menschen handelt, deren Möglichkeiten nicht immer einen Einkauf nach eigenem Wunsch zulassen, um so besser.
„Für mich ist es ein Hobby. Aber ganz großspurig gesagt, ist es auch eine Äußerung politischen Lebens.“ Subversion oder Terrorismus könne er sich zwar nur bis zu einem gewissen Niveau erlauben, „aber für die Absicht, dass öffentlicher Raum als solcher wahrgenommen wird, braucht es Erschütterungen des Normalzustandes. Eine Rekolonisation auf freundliche Weise.“ So als würde er jemandem heimlich das Auto waschen. Daher widerstrebt ihm auch das Jäten so sehr. „Das wäre wieder so ein kurioser Privatkosmos.“
Diese Form des Ackerbaus ist für D. ein Ansatz, Netze zur Wiedererkennung öffentlicher und eben auch politischer Räume zu schaffen. Wer sehe, dass in der Stadt eine Ernte möglich ist, sehe auch leichter, dass der gemeinsame Raum überhaupt mehr genutzt werden könne. „Die meisten Aktivisten glauben an Eliten, und das tue ich nicht, ich sehe das allenfalls als Grundlagenarbeit.“ Auch mit Philips will er sich nicht in einem vermeintlich Kampf von „groß gegen klein“ sehen, sondern spricht lieber von einem kollegialen Miteinander.
Und bis alle den öffentlichen Raum wieder für sich entdeckt haben, hofft er auf eine Art Schwarmverhalten: „Leute, die ich gar nicht kenne, beschäftigen sich dann auch mit dem, was ich mache. So wie beim Säen: da kommt ja letztlich auch nur eine Quote von 1:10 zum Aufblühen.“



March 29th, 2008 at 4:04 pm
Hallo Flo,
Schöne Bilder. Schreibst Du jetzt auch Texte?
March 30th, 2008 at 2:07 pm
Nein, nur die Fotos sind von mir. Den Text hat der Nicolai gemacht.
April 11th, 2008 at 9:22 am
Hallo,
Toller Artikel, Tolle Bilder!
Ich bin Journalistin beim STERN und schreibe gerade eine REportage über Guerilla Gardening in Deutschland. Ich suche derzeit noch einen Gärtner in Hamburg, den ich bei seiner Arbeit begleiten könnte.
Wäre es möglich, die Kontaktdaten von D. zu bekommen, bzw. könnt ihr D. mal fragen, ob er Lust hat, bei einer Reportage mitzumachen?
Herzliche Grüße Stephanie Souron
August 9th, 2008 at 12:55 pm
Stefanie, dann hilf doch einfach dem Nicolai seinen Text umzuschreiben/unterzubringen als diese Kuh neu zu erfinden.
September 23rd, 2008 at 10:39 am
Garten-Guerilla…
Wenn wir keinen Garten hätten würden wir auch sowas in der Art machen.
Unterstützt die Gartenguerilleros!…
November 6th, 2008 at 2:23 pm
Liebe Guerilla-Gemeine,
könntet ihr euch vorstellen in einiger 30minütigen Fernseh-Reportage für das öffentlich-rechtliche Fernsehen mitzuwirken?
Ich würde mich über eine Kontaktaufnahme freuen.
Weiterhin frohes Buddeln, Säen und Ernten wünscht,
Kristin